Mercedes-Benz setzt auf Sprit aus Stroh

31 Jan 9:43 am
Mercedes-Benz

Schon der gewählte Arbeitstitel spricht für Ökologie und Nachhaltigkeit: sunliquid20 (frei Übersetzt: “Flüssigkeit, die aus der Sonne stammt”) soll die neue Treibstoffgeneration einleiten und den Verbrauch an fossilen Brennstoffen erheblich senken. So zumindest der Auftrag, den sich die Daimler AG gesetzt hat.

Biomüll als Kraftstoff?

Es klingt ein wenig nach Science-Fiction: Von der Biotonne direkt in den Autotank, und das vollkommen ohne Leistungseinbußen – der neue Biokraftstoff, der durch Mercedes Benz in Kooperation mit den beiden Spezialchemie-Unternehmen Clariant und Haltermann derzeit entwickelt und innerhalb der nächsten 12 Monate erprobt wird, soll genau das können. Okay, ganz so futuristisch, als dass man seine Küchenabfälle künftig einfach unter dem nächstbesten Tankdeckel deponieren und damit losheizen könnte, ist es natürlich nicht, innovativ aber dennoch allemal. Das derzeitige Gros an Biokraftstoffen (auch Agrotreibstoffe genannt) stellt die sogenannte Erste Generation dar. Darunter fallen der bekannte Bio-Diesel, Bioethanol sowie Pflanzenöl-Kraftstoffe. Hauptextraktionsquellen stellen hierzulande das Rapsöl, der Weizen sowie die gemeine Zuckerrübe und finden entweder in ihrer Reinform Verwendung (Pflanzenöl) oder als Benzingemisch. Die ökologischen Vorteile gegenüber dem fossilen Brennstoff sind jedoch umstritten, nicht zuletzt da Biokraftstoffe bislang in direkter Konkurrenz zur Lebensmittel- und Futtermittelindustrie stehen, denn der Rohstoff muss zunächst natürlich angebaut werden, was eine enorme Agrarflächennutzung bedeutet. Und genau an dieser Problematik setzt der neue Mercedes-Kraftstoff an.

Resteverwertung statt Weidelandumwandlung

Das neue “Superbenzin” wird nicht, wie bisher üblich, unmittelbar aus dem angebauten Rohstoff gewonnen, sondern aus dessen Überschuss. Damit sind Pflanzenreste der Agrarindustrie gemeint, die ohnehin bereits anfallen, also beispielsweise Weizenstroh oder auch Restholz. Das Ethanol (Alkohol) wird dabei aus der Pflanzencellulose (Zucker) gewonnen und folglich auch Cellulose-Ethanol genannt. Eine Tonne Stroh enthält dabei Glucose für 160kg Ethanol (entspricht ca. 200 Liter). Werden sämtliche Zuckerbausteine aufgespalten, erhöht sich die Ausbeute sogar um weitere 124 Liter. Agrarreststoffe stellen dabei zusätzlich den größten, bisher weitgehend ungenutzten Teil an Biomasse in Deutschland. Das neue Benzingemisch sunliquid20 erfährt eine Beimischung von 20% Bioethanol aus genau dieser überschüssigen Biomasse und verfügt dabei über eine hohe Oktanzahl von über 100, was einen optimalen Wirkungsgrad erzielt. Daimler spekuliert, dass gut ein Viertel des für 2020 prognostizierten Benzinbedarfs durch Bioethanol gedeckt werden könne.

Eine alte Idee neu gesponnen

Cellulose-Ethanol ist chemisch baugleich mit dem bisher bereits verwendeten Bio-Ethanol der Ersten Generation. Während allerdings eine 5%ige Beimischung zum Benzin problemlos von jedem Benzinmotor vertragen wird (E5) bedarf es für E10 bereits einer Modifikation, bei Neufahrzeuge in aller Regel bereits auf den E10-Kraftstoff ausgelegt sind. Die BlueDIRECT Ottomotoren von Mercedes-Benz lassen sich bereits heute problemlos auch mit einem 20-Prozent-Anteil an Ethanol betreiben, sind also längst auf diese Innovation ausgerichtet. In Stuttgart-Untertürkheim befindet sich unterdessen eine Testflotte an Fahrzeugen, die über die nächsten Monate hinweg über eine werksinterne Tankstelle mit dem neuen Kraftstoff versorgt und getestet werden. In anderen Ländern der Welt, beispielsweise in Brasilien, wird bereits mit einer Mischung von 25% Ethanol getankt, rund 80% der Fahrzeuge dort können wahlweise sogar durch E100 (reiner Alkohl) betrieben werden. Hierzulande ist E85 öffentlich an bislang rund 270 Tankstellen erhältlich. Der markanteste Unterschied ist also nicht die Beimischung von Ethanol zum Normalbenzin, sondern die Gewinnung aus Reststoffen bereits vorhandener Industrien.
Foto: AMP/NET

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